Das erwachen einer Katzen-Göttin in der Moderne (DE)

Die Neonlichter der virtuellen Sim flimmerten in intensivem Cyan und tiefem Violett. Bastet Dragonash lehnte sich gegen das kühle Gehäuse eines hell erleuchteten Verkaufsautomaten. Sie strich sich über eine Strähne ihres kupferroten, langen Haares, das als hoher Pferdeschwanz gebunden war, und starrte auf das Display ihres HUDs. „Pulse“, „Prox“ – all die blinkenden Anzeigen, die Werte für Energie und Präsenz in dieser digitalen Welt maßen, wirkten so absurd.

Jahrtausende lang hatte man sie in staubigen Tempeln aus Sandstein verehrt. Sie war die Göttin der Fruchtbarkeit, der Liebe, des Tanzes und der Musik gewesen. Und heute? Heute saß sie im Metaverse. Die Menschen baten sie nicht mehr um den Schutz von Schwangeren oder tanzten zu ihren Ehren bei rauschenden Festen. Stattdessen schickten sie ihr „Katzen-Memes“ über den globalen Chat. Ein Bild von einer fetten, mürrischen Katze, die nach „Cheezburger“ verlangte, war das moderne Äquivalent zu den vergoldeten Statuen von einst. Bastet musste unwillkürlich leise lachen – es war eine seltsame, aber irgendwie auch amüsante Art der Unsterblichkeit. Ihre wilde, zornige Seite hatte sie vor Ewigkeiten an Sachmet abgegeben, ihren dunklen Schatten. Hier, in der flüchtigen Unendlichkeit von SecondLife, genoss sie einfach die Musik der virtuellen Clubs und die kreative Freiheit, die diese neue Moderne bot.

Ein plötzlicher Temperatursturz in ihrer unmittelbaren Nähe ließ sie aufsehen. Der Duft von Myrrhe und kaltem Wüstensand legte sich über den künstlichen Geruch der Cyberpunk-Sim.

Er war da.

Anubis. Der alte Wächter der Unterwelt, der Seelenführer. Auch er hatte den Weg in diese digitale Realität gefunden, angepasst an die Ästhetik der neuen Ära. Seine Haare waren zu kunstvollen, langen Braids geflochten, die teilweise zu einem Dutt zusammengebunden waren, und ein perfekt getrimmter Bart umrahmte seine markanten Züge. Statt des traditionellen Schurzes trug er eine schwere, ockerfarbene Jacke über einem dunklen Hoodie – der perfekte Look für die rauen Straßen dieser virtuellen Metropole.

Er trat so dicht an sie heran, dass die Grenze zwischen ihren Avataren fast verschwamm. Bastet spürte die vertraute, uralte Präsenz, die so gar nichts mit den unpersönlichen Pixeln der anderen User zu tun hatte.

„Meinen Namen kennen sie hier drin kaum noch, Bastet“, raunte seine tiefe Stimme durch den Voice-Chat, während er seine Hand behutsam an ihre Wange legte. Seine Fingerkuppen waren warm, trotz der digitalen Barriere. „Sie suchen nach Codes und Skripten, nicht nach dem Pfad der Seelen.“

Bastet legte ihre Hand auf sein Handgelenk, spürte das feine Tuch seiner Jacke und blickte zu ihm auf. Ihre Stirn lehnte sich sanft gegen die seine. Inmitten des grellen Scheins der Automatenbeleuchtung, zwischen all den XXL-Päckchen in den Regalen hinter ihnen und dem Schild, das profan „PRESS HERE“ forderte, schufen sie sich ihren eigenen, zeitlosen Raum.

„Lass sie suchen, alter Freund“, flüsterte sie und schloss für einen Moment die Augen, um die Vertrautheit des Moments zu genießen. „Sie haben ihre Götter nicht vergessen. Sie haben nur gelernt, sie in den Maschinen zu suchen. Und solange wir uns hier finden, fliegen unsere Seelen weiter – Codezeile für Codezeile.“

Bild wurde aufgenommen in Nille’s Hangout

Du willst tiefer in die Welt von Bastet und Anubis eintauchen? Höre dir hier die philosophische Podcast-Analyse zu meiner Geschichte an – über die Frage, wie uralte Götter im Code des Metaverse überleben.

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